Der Fall

Was ist passiert?

Ein Kindergartenmädchen, dessen Vater aus dem Jemen stammt und dessen Mutter aus Marokko kommt, zeichnet im Hort wiederholt eine palästinensische Flagge. Die Zeichnung erfolgt im Rahmen des freien Spiels.

Daraufhin lädt der Hort die Eltern zu einem ausführlichen Gespräch ein. Am Gespräch nehmen mehrere Mitarbeitende sowie die Hortleitung teil. Von Seiten des Horts wird verlangt, dass das Mädchen künftig keine palästinensische Flagge mehr zeichnen dürfe. Für den Fall, dass dies nicht eingehalten werde, wird den Eltern eine Kündigung des Hortplatzes in Aussicht gestellt.

Einschätzung

Einschätzung des Falles

In diesem Fall steht nicht das Verhalten des Kindes, sondern die Reaktion der Institution im Zentrum. Das Mädchen ist im Kindergartenalter und nutzt das freie Spiel, um Eindrücke aus seiner Lebenswelt zeichnerisch zu verarbeiten. Das wiederholte Zeichnen einer palästinensischen Flagge ist in diesem Alter nicht als politisches Statement im Sinne einer bewussten Parteinahme zu verstehen, sondern als Ausdruck von Identität sowie von Einflüssen aus dem familiären, sozialen oder medialen Umfeld. Kinder verfügen in dieser Entwicklungsphase nicht über die kognitiven und emotionalen Voraussetzungen, umd nationale oder geopolitische Symbole ideologisch einzuordnen. Entsprechend ist es nicht gerechtfertigt, ihnen die Verantwortung für deren gesellschaftliche Wirkung zuzuschreiben.

Die Intervention der Hortleitung ist vor diesem Hintergrund unverhältnismässig. Ein pauschales Verbot ohne pädagogische Einordnung greift in die Ausdrucksfreiheit des Kindes ein. Die angedrohte Kündigung des Betreuungsplatzes stellt zudem eine massive Eskalation dar: Sie belastet das Vertrauensverhältnis zu den Eltern und widerspricht dem Bildungs- und Betreuungsauftrag, der auf Schutz, Integration und Diskriminierungsfreiheit ausgerichtet ist.

Statt dem Kind Orientierung und Sicherheit zu bieten, führt dieses Vorgehen zu Stigmatisierung. Gesellschaftspolitische Spannungen werden auf ein Kind projiziert, das weder Urheberin noch Trägerin dieser Konflikte ist. Damit wird eine wichtige pädagogische Chance verpasst, Vielfalt als selbstverständlichen Teil des Alltags zu leben und das Kind konstruktiv in seiner Identitätsentwicklung zu begleiten.

Aktiv werden

Wie können wir handeln?

Hortleitung und Betreuungspersonen tragen die Verantwortung für ein Klima der Akzeptanz und Sicherheit. Dazu gehört, dass Kinder ihre Identität angstfrei ausdrücken können, solange dadurch die Rechte anderer nicht beeinträchtigt werden.

Akut handeln
  1. Eskalation zurücknehmen: Unverhältnismässige Massnahmen, insbesondere die Androhung einer Kündigung des Betreuungsplatzes, werden zurückgenommen. Dies schafft die Grundlage für Deeskalation und eine tragfähige Zusammenarbeit mit den Eltern.  
  2. Schütz und Normalität sichern: Das Kind soll im Hortalltag keine Stigmatisierung oder Benachteiligung erfahren. Kindliche Ausdrucksformen im freien Spiel, zum Beispiel Zeichnen, bleiben geschützt, solange keine Rechte anderer verletzt werden.
  3. Situation im Kontext klären: In einem klärenden Gespräch unter Einbezug der Hortleitung wird die Perspektive der Familie angehört. Ziel ist es, die Bedeutung des Verhaltens im familiären und sozialen Kontext zu verstehen, statt politische Absichten zu unterstellen. Parallel reflektiert das Team, ob eine reale Gefährdung vorliegt oder ob Verunsicherung auf Seiten der Erwachsenen zur Eskalation beigetragen hat.
  4. Pädagogisch begleiten statt verbieten: Statt das Thema zu tabuisieren oder zu sanktionieren, wird das Kind altersgerecht begleitet. Offene, nicht bewertende Fragen wie „Was bedeutet das für dich?“ können dabei Orientierung geben. Einschränkungen sind nur dann angezeigt, wenn eine konkrete Gefährdung besteht.
Langfristig bearbeiten

Handlungsfeld Gemeinsame Orientierungen finden

Handlungssicherheit im Team schaffen und vorschnelle Deutungen vermeiden

Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung im Kindergarten, Website Kinderwelten

Dossier Diversität und Kindheit. Frühkindliche Bildung, Vielfalt und Inklusion. Heinrich Böll Stiftung

Wagner, P. (2013). Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung. Herder.

Umsetzung von Kinderrechten und Kindesschutz. Weiterbildungen, Inputs, Referate und Workshops. Marie-Meierhofer Institut für das Kind.

 

Handlungsfeld Kompetenzen fördern

Förderung  des Umgangs mit Vielfalt im Frühbereich

Frei, D. (2016). Frühkindliche Bildung zu einem wertschätzenden Umgang mit Vielfalt. Unterschiede nicht tabuisieren. Tangram 37 (S. 76-80, Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR.
 
KIDIMO. Kostenfreie, deutschsprachige Web-App, mit der Kinder spielerisch die Kinderrechte entdecken. Entwickelt in der Schweiz, webbasiert nutzbar (Tablet/PC), mit Begleitmaterialien für Fachpersonen.
 
Toleranzbox. Vielfalt entdecken und erleben. Materialsammlung mit Spielmaterial, Ideenkarten, Bilderbüchern, Handbuch und Reflexionsbögen zur Förderung wertschätzenden Umgangs mit Vielfalt im Hort/Kita-Alltag, entwickelt von MMI, Stiftung SET und Stiftung GRA.
 
 
Unterstützung und Materialien
Wer kann unterstützen?