Herr Walder vertritt für drei Wochen den Klassenlehrer. Er möchte im Rahmen des RKE-Themas Judentum in einer 2. Sek einen jüdischen Gast einladen. Die Schüler:innen sollen sich für das Gespräch Fragen notieren. Ein Getuschel und Gekicher geht los. Man hört: «…fragen wir den Juden, wann er das letzte Mal Zug gefahren ist», «…wann er das letzte Mal geduscht hat», «…was seine Nummer ist». Dazwischen wird von einem Schüler ein Hitlergruss gemimt.
Rassismus und Antisemitismus ohne Betroffene im Raum?
Manchmal wird entwürdigende Sprache gegenüber sozialen oder ethnischen Gruppen verwendet, ohne dass Betroffene im Raum sind, so wie es im oben beschriebenen Klassenzimmer geschehen ist. Auch ohne Anwesenheit von Betroffenen handelt es sich hier um rassistische Äusserungen. In einem erweiterten Sinne sind auch Abwesende eben doch davon betroffen, weil die abwertenden Begriffe durch den Gebrauch in der Kultur weiter tradiert werden, also in diesem Fall antisemitische Bilder weiterhin nähren und soziale oder kulturelle Überlegenheit zur Schau stellen. Das gilt nicht nur für rassistische und antisemitische Sprüche, sondern auch für Gesten sowie Sachbeschädigungen, wie auf Wände geschmierte oder in Mobiliar eingeritzte Nazisymbole.
Über Parolen hinaus: Symbole und Memes
Ist es antisemitisch, wenn Schüler:innen lediglich den Hitlergruss zeigen, ohne Bezug zu Opfern? Der Hitler-Gruss steht für die Nazi-Ideologie und stellt eine Geschichtsverharmlosung und Verharmlosung des Holocausts dar, unabhängig davon, ob eine solche beabsichtigt war oder nicht. Manchmal sollen der Hitler-Gruss und Holocaust-Witze Aufmerksamkeit erregen, schockieren oder zum Lachen bringen, dann ist die Geste geschmacklos und reproduziert extremistische Inhalte. Wenn jedoch weitere rechtsextreme Codes und Symbole verwendet werden, nationalsozialistische Verbrechen verharmlost und abwertende Aussagen über gewisse Menschengruppen gemacht werden, kann es sein, dass Jugendliche rechtsextreme Einstellungen vertreten (siehe auch „Rechtliche Aspekte“ weiter unten).
Insbesondere ältere Kinder im Primarschulalter erzählen Holocaust-Witze, um Aufmerksamkeit zu bekommen, haben aber meist noch keine Vorstellung von den Dimensionen des Holocausts oder seiner Bedeutung. Hier ist eine sensible thematische Auseinandersetzung zielführend (siehe „Langfristig bearbeiten“).
Rechtliche Aspekte
Ein generelles Verbot des Hitler-Grusses existiert in der Schweiz (2026) noch nicht. Strafbar ist der Gruss nur, wenn er zur Verbreitung oder Werbung für nationalsozialistische Ideologien in der Öffentlichkeit genutzt wird. Der Bundesrat arbeitet allerdings an einer Gesetzesänderung, wonach Nazi-Symbole und -Gesten, sowie weitere rechtsextremistische Symbole verboten werden sollen. Dieses Verbot wird für Schüler:innen ab dem 15. Altersjahr gültig sein und wird den Lehrpersonen Klarheit im Hinblick auf Ordnungsmassnahmen bieten.
Situation im Kontext verstehen: Gewähren Sie in einem nächsten Schritt den Schüler:innen, welche die verbalen Übergriffe begangen haben sowie allfälligen Zuschauenden Gehör, um die Situation richtig einzuschätzen: Fragen Sie nach, wie das Gesagte gemeint ist: Damit erhalten Sie selbst Zeit, zu überlegen, wie Sie darauf reagieren wollen. Und der Schüler/die Schülerin hat die Möglichkeit, zu relativieren, falls die Aussage unüberlegt war. Sind sie sich der Grenzüberschreitung bewusst? Was wissen sie über den Holocaust? Haben sie in der Schule den Holocaust in Geschichte oder Deutsch behandelt? Handelt es sich um eine erstmalige Provokation oder um eine Eskalation mit längerer Vorgeschichte, wie etwa eine Serie von Schmierereien, gezeigten Symbolen und Liedern? Ergreifen Sie entsprechende Massnahmen.
Fehler und Konflikte als Lerngelegenheiten nutzen: Nehmen Sie das Thema Diskriminierung, Holocaust-Verhöhnung, Hassrede im Unterricht z.B. in Geschichte oder Deutsch auf.
Handlungsfeld Gemeinsame Orientierungen finden
Bearbeitung im Fach Geschichte/Deutsch/RKE: Holocaust und Antisemitismus als Unterrichtsthema
Bausteine Anne-Frank Haus, Amsterdam
Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen
Wir empfehlen, Antisemitismus zusammen mit anderen Diskriminierungsformen zu behandeln. Im Vergleich liegt eine zusätzliche wertvolle Lerngelegenheit: