In einer 5. Primarschulklasse herrscht ein raues Klima. Beleidigungen, auch rassistische, sind an der Tagesordnung. Ein Kind aus Eritrea wird mit dem N-Wort beschimpft ein muslimisches als Bombenleger. Betroffene Kinder melden die Beleidigungen dem Klassenlehrer, Herrn Zeller. Dieser empfiehlt den Kindern, die Beschimpfungen zu ignorieren. Es handle sich dabei um Provokationen, die man einfach nicht beachten solle.
Als rassistische Diskriminierung gilt „jede Praxis, die Menschen aufgrund physiognomischer Merkmale und/oder ethnischer Herkunft und/oder kultureller Merkmale (…) und/oder religiöser Zugehörigkeit Rechte vorenthält, sie ungerecht oder intolerant behandelt, demütigt, beleidigt, bedroht oder an Leib und Leben gefährdet.“ (Fachstelle für Rassismusbekämpfung, 2024). Rassismus schliesst im heutigen Sprachgebrauch also nicht nur Zuschreibungen aufgrund von Hautfarbe ein, sondern auch aufgrund von kultureller Zugehörigkeit. Eine ausführliche Definition von Rassismus siehe Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB. Rassistische und antisemitische Beleidigungen stellen einen Verstoss gegen die Kinder- und Menschenrechte dar.
Im Fallbeispiel wird gezeigt, wie Schüler:innen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Religion beleidigt werden, sowie eine oft beobachtete Reaktion einer Lehrperson auf der Primarstufe, betroffene Schüler zu beschwichtigen und ihnen zu raten, solche Beleidigungen zu ignorieren.
Typisch an diesem Fall ist, dass sich Kinder im Primarschulalter tendenziell eher nicht selbst wehren, um sich nicht zu exponieren, sondern sich eher an die Lehrperson wenden, um Unterstützung zu erhalten, während dessen Sek-Schüler:innen eher selbstständig auf Anfeindungen reagieren.
Primarschullehrpersonen, die auf Beschwichtigung setzen, gehen davon aus, dass es den Schüler:innen, welche rassistische Beleidigungen äussern, nur um Provokation geht und eine Gegenrede zu einer weiteren Eskalation führt. Jedoch dürfen Beleidigungen, Verunglimpfungen, rassistische und andere Diskriminierung von Schüler:innen von der Lehrperson grundsätzlich nicht toleriert werden, sondern müssen als Regelverletzung benannt werden. Die Lehrperson ist verpflichtet, Schüler:innen vor Diskriminierung zu schützen (Schulrecht). Andernfalls schliessen die diskriminierenden Schüler:innen daraus, dass ihr Handeln völlig in Ordnung ist, und die Diskriminierung wird fortgeführt. Ob eine bösartige Absicht der Abwertung oder nur eine Provokation dahintersteckt, ist dabei unerheblich. Dass es sich nicht um eine Bagatelle handelt, wird sofort klar, wenn man sich der psychologischen Folgen von Diskriminierungserfahrungen bewusst wird: Kinder können Scham, Wut, Resignation gegenüber dem Wunsch dazuzugehören empfinden und Selbstzweifel oder Minderwertigkeitsgefühle entwickeln, welche sich in den Schulleistungen niederschlagen (siehe auch Madubuko, Nkechi. 2021. Praxishandbuch Empowerment: Rassismuserfahrungen von Kindern und Jugendlichen begegnen. Weinheim: Bletz. Juventa).
Handlungsfeld Gemeinsame Orientierungen finden
Politische Bildung – Sich mit Begriffen, wie Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung, Vorurteil auseinandersetzen und Phänomene erkennen
Rassismus: Was ist Rassismus und woher kommt er? Für Kinder einfach erklärt. – SRF school – SRF, Zyklus 2
Demokratiewebstatt: Sachtexte zu rassistischer Diskriminierung in einfacher Sprache für den Zyklus 2/3.
Kleine Kinderzeitung: Definitionen zum Thema Diskriminierung in einfacher Sprache für den Zyklus 2.
Lutz, A. L. (2022). Mit Grundschulkindern über Diskriminierung und Rassismus sprechen: Geschichten, Bildkarten, Unterrichtsanregungen und Kopiervorlagen zur Anti-Diskriminierung. Verlag an der Ruhr.
Antisemitismus: Bausteine Anne-Frank-Haus und Technischen Universität Berlin: Definitionen und Arbeitsaufträge für den Zyklus 3, S. 1 – 33.
Vorurteile und Rassismus: Bausteine Anne-Frank-Haus und Technische Universität Berlin: Definitionen und Arbeitsaufträge für den Zyklus 3, S. 34 – 48.
Handlungsfeld Kompetenzen fördern
Philosophische Gespräche im Fach RKE
Nehmen Sie das Thema „verletzende Sprache und Hate-Speech“ unabhängig vom Vorfall im Unterricht auf. Es geht nicht darum, Täter:innen an den Pranger zu stellen, vermeiden Sie also Moralisierungen. Mit Schüler:innen über verletzende Sprache nachdenken: Die Schüler:innen sammeln Beschimpfungen und ordnen sie nach dem Schweregrad. In einem philosophischen Gespräch versuchen sie, Gründe, Wirkung und Konsequenzen zu ergründen, Zyklus 1-3. Mögliche Fragen für das philosophische Gespräch: